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Nov 06

Cicero Weinbau – Weinlese-Bericht

Tag: Weingütersigi.hiss @ 07:34

Thomas Mattmann / Cicero Weinbau – Letzte Woche pressten wir nach einer durchschnittlichen Gärdauer von 18 Tagen die letzten Pinot Noirs. Die Weinlese beendeten wir aber bereits am Freitag, 16. Oktober mit dem Cabernet Sauvignon (94° Oechsle, 460g Ertrag pro qm). Es war die mit Abstand schnellste Weinlese meiner ganzen Winzerkarriere. Unsere Lese war nach fast perfektem August- und Septemberwetter wie folgt:

Am Dienstag, 29. September starteten wir mit dem Müller-Thurgau. Ertrag (850g/m2 ) und Zuckergehalt (88° Oechsle) waren genau im Wunschbereich. Teilweise vergärte ich den Wein aus diesem nun 30-jährigen Rebberg heuer in einer Amphoren (Betonei).

Am Donnerstagmorgen, 1. Oktober ging es in Quinten in einem heuer erstmalig von uns gepflegten Rebberg weiter. Quinten hat ein vollkommen einzigartiges Klima. Extrem eingeklemmt zwischen dem Walensee und den Kurfirsten bleibt nur für wenige, nur zur Fuss oder per Schiff erreichbare Rebberge Platz, denn direkt hinter den Rebbergen steigen die Felswände fast senkrecht um fast 1700 Meter an. Wegen relativ starkem Essigbefall mussten hier die Trauben von geschätzten durchschnittlich über 50-jährige Pinot Noir Stöcken konzentriert einzeln verlesen werden. Die grandiose, nahezu atemberaubende Kulisse dieses „Kraftortes“ entschädigte die Crew aber für ihre Bemühungen und ihren Einsatz. Der Begeisterung nach zu urteilen, kann ich die Plätze für die nächstjährige Weinlese wohl sogar an die Meistbietenden versteigern… 

Qualitativ waren die Trauben schlussendlich wie gewünscht (kleinbeerig, aromatisch und komplett reife Kerne, bei 100°Oechsle), aber der Ertrag war leider schon fast ruinös tief. Aus dem fast eine halbe Hektare grossen Rebberg wird es 2009 keine 1200 Flaschen Pinot Noir geben.

Der Pinot Gris (junge Reben) am Nachmittag war den ein wieder ein Kinderspiel. Perfekt gesund, 350g/m2 und 105° Oechsle. Zudem wimmelten wir die ersten paar Kilo Zizerser Pinot Noir aus jungen Reben einer kleinen Versuchsanlage.

Einen Tag später ging es am Freitag, 2.Oktober hinter den Sauvignon Blanc. Auch er perfekt gesund, gewünschte 92° Oechsle, aber mit nur 380g/m2 ertragsmässig eine herbe Enttäuschung. Angestrebt gewesen wäre etwa 600 bis 700g/m2. Bereits nach der Blüte zeichnete sich hier eine kleine Ernte ab, doch dass sie so klein sein würde hätte ich nicht erwartet.

Normalerweise hat man nach diesen Lagen und Sorten ein bis zwei Wochen Ruhe, doch am Samstag entschloss ich mich aufgrund der Reife (innert zwei Wochen legten die Trauben fast 20° Oechsle zu!) den ganzen Pinot Noir so schnell wie möglich zu lesen.

Für Dienstag 6. und Mittwoch 7. Oktober konnte ich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis je rund 45 Personen zum Wimmeln aufbieten. Da die Trauben nahezu perfekt gesund waren, ernteten wir Chardonnay, Pinot Noir, Merlot und Dornfelder vor der Schlechtwetterperiode in einem Zug ab. Nur den schliesslich am 16. Oktober gelesenen Cabernet Sauvignon liessen wir noch am Stock.

Bei der Bündner Hauptsorte (80% Pinot Noir) erreichten wir 450g/m2 mit hohe Öchslewerten (98-108°, durchschnittlich 105°) und insgesamt eher tiefen Säuren (aber trotzdem noch anständige pH-Werte), beim Chardonnay gute 590g/m2 mit 97° Oechsle und eigenwilligerweise guter Säure.

Für mich ein vollkommen aussergewöhnliches Jahr Einerseits reiften die Trauben gegen das Ende hin sogar noch schneller als im Hitzejahr 2003, anderseits reiften die normalerweise späten Klone und/oder Lagen vor den normalerweise frühen.

Schlecht ist die eingebrachte 2009er Ernte ganz bestimmt nicht. Vermutlich ist es kein ganz gross Jahr (dafür war meines Erachtens der Frühsommer zu nass und speziell für die aromatischen Weissweine (Müller und Sauvignon Blanc) fehlten am Schluss die für die Aromabildung wichtigen kalten Nächte), aber ein sehr gutes wird es zumindest bei den Burgundersorten bestimmt werden. In der Breite wird man ganz bestimmt mehr gute und sehr gute Rotweine finden als im 2008. Auch bei den spätreifen Sorten (Cabernet, Merlot, etc.) ist 2009 sicher hochklassiger. Die 2008er Weissweine und die Spitzenpinots werden aber vor allem hinsichtlich Typizität, Eleganz und Lagerfähigkeit vermutlich noch etwas vor den 2009er stehen.

Die jungen Weine präsentieren sich bereits jetzt sehr rund, vollmundig und zugänglich. Die aromatischen Weissweine (Müller-Thurgau und Sauvignon blanc) dünken mich heuer eher Struktur- als Aromatypen. Die sortentypischen Aromen sind deutlich schwächer ausgeprägt als im 2008.

Die Pinots könnte man bereits jetzt „in grossen Zügen Saufen“. Wie im 2003 zeigen sie sich schon vor dem biologischern Säureabbau extrem weich, fertig, „trinkig“. Im Gegensatz zum 03 finde ich aber keine überreife, konfitürige Aromen, sondern frischfruchtige Pinot-Beerigkeit. Erfreulich ist auch die dichte Farbe. Auch heuer habe ich komplett auf jegliche Aufsäuerung verzichtet. Dank der Fülle an reifen Gerbstoffen, hoffe ich, dass sich die Farbe trotz den doch relativ hohen pH-Werten stabilisieren lässt.

Was mir 2009 aber am prägensten in Erinnerung bleiben wird, ist das ungeheure Tempo der Lese. Normalerweise gehöre ich in Graubünden zu den „Spätlesern“ aber dieses Jahr hatte ich bei der Lese des Pinots den Eindruck, dass ich der einzige sei, der bereits wimmelt. Der eine oder andere Winzer wurde wohl von der Reifegeschwindigkeit im 2009 komplett überrumpelt und konnte kurzfristig zuwenig Kapazitäten frei machen.

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