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Mai 16

UFOs – die Winterdroler kommen

Tag: Allgemeines,Personen,Regionen,Weingütersigi.hiss @ 07:54

Winterdroler? Ein Völkchen von drolligen Gnomen, eine Rebsorte oder Wintermärchen?

DSC01273Es gibt schon verrückte Winzer in Baden, sehr eigenwillige, doch immer sympathische Typen. Einer, dem der Schalk im Nacken sitzt, der immer verschmitzt dreinschaut – wie Joachim Heger. Der Philosoph, für den Kunst, klassische Musik und Wein eng verbunden sind – Master of Wine Jürgen von der Mark. Dann den urgewaltig Sympathischen, er ist so, wie er ist – Hans Peter Ziereisen. Ein feinsinniger Leiser, der rabiat alles ausreissen wollte, was nicht burgundische Sorten waren – Bernhard Huber. Und jener ergraute Grandseigneur des Markgräfler Weins mit seinem unglaublichen Erfahrungsschatz, ich spreche vom „alten Köpfer“ mit allergrösstem Respekt. Der immer (gnadenlos) alemannisch daher plaudernde Kämpfer für knochentrockene Markgräfler Weine, der Fahnenhochhalter des Gutedels – Herman Dörflinger. Und der Ortenauer, ein brummig-netter, keinesfalls zu viel Worte vergeudender Winzer namens Andreas Laible. Dann noch einer, der inzwischen Rente und Ruhe geniesst, aber oft allen anderen einen Schritt voraus war und seine Ideen konsequent verfolgt hatte – Albert Soder.

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Einer dieser Eigenwilligen, auch schon mal sturen badischen Unikaten hat etwas getan, wofür ich früher von meinem Opa, der auch ein paar Reben hatte, so zusammengestaucht worden bin, man hat es bis ins 25 Kilometer entfernte Freiburg gehört. Beim „Herbsten“ wie man die Lese in Baden nennt, war das Abschneiden der Winterdroler ein Tabu. Nicht mal der geizigste schottische Lesehelfer würde Geiztriebe mit in den Eimer tun. Tat ich es doch, konnte ich mich nicht mehr auf die in Sekundenbruchteilen schallende Ohrfeige einstellen, so schnell kam diese angerauscht.  

Die Geiztrauben sind die UFOs im oberen Drittel der Rebzeilen, in Kopfhöhe also. Sie reifen nur sehr selten wirklich aus, schmecken herb und sauer. Ausser das Wetter spielte – wie in 2003 – verrückt. Sonne und Hitze in Hülle und Fülle, dem Rebstock reichte es und er legte zeitweilig eine Pause ein. Erst als es wieder erträglich wurde, erwachte er wieder zum Leben. Der goldene Oktober reichte fast bis an Weihnachten. Und eben in diesem spektakulären Jahrgang 2003 hat ein badischer Schlaumeier ein im Barrique ausgebauten Wein nur aus Winterdroler vinifiziert. Anfang Dezember wurde damals die Lesetruppe nochmals zur Winterdroler-Ernte rausgeschickt. Sie machten sich erneut, kopfschüttelnd und mit einem Schulterzucken auf den Weg in die Weinberge. Froh, dass sie sich zumindest nicht mehr bücken mussten, es hing ja alles in Kopfhöhe. Im Umfeld des Winzers tuschelte man etwas von leicht verwirrt, naja die Hitze halt.

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Grinsend marschierte der Winzer mit mir und dem Weinheber, nach unzähligen Fassproben vorher, zu einem Barrique, das versteckt in der Ecke lauerte. Das war 2004. Mit der Frage, „Was ist das?“ wurde sein Grinsen immer breiter. Er wollte nur die Rebsorte von mir wissen! Ja und da bin ich sehr schnell bei „Das ist kein Spätburgunder, definitiv nicht“ gelandet. Von einem etwas zu früh geernteten Cabernet Sauvignon, über doch Spätburgunder mit 100% Rappen und heftig abgepresst bis zum Cabernet Franc hakte ich alles ab, was hätte sein können. Ich blieb beim Cabernet Franc.

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Extrem dicht, aber nicht fett oder mastig, nein, eher eine schlanke doch sehr tief vergrabene Frucht. So enormes Tannin, dass auch die Sorte Tannat nicht abwegig gewesen wäre. Keine Alkoholbombe, mit noch grünen, sehr herben Noten aber dieses spezielle Barrique hatte etwas, das mich faszinierte. Viel Lagerpotenzial war da noch, mit rustikalen herb-grünen Aromen oben auf, „abgesichert“ mit sehr dichtmaschiger, rot-schwarzer Frucht. Es war der im Dezember 2003 geerntete Winterdroler. Und da war ich platt, sprachlos und leicht verwirrt. Die schallenden Ohrfeigen vom Opa schossen mir durch den Kopf.

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Verschlossener Teenager

Und jetzt im Januar 2013 konnte ich den 2003 Winterdroler endlich mal aus der Flasche nach immerhin 10 Jahren Flaschenlagerung geniessen. Gefasst war ich auf die pure Enttäuschung aber auch auf einen eigenwilligen, doch richtig guten Spätburgunder. Beim Öffnen keine Enttäuschung doch der Winterdroler war noch im Winterschlaf. Das Pelzige, das Tannin deutlich charmanter als damals bei der Fassprobe, trotzdem immer noch dominierend, ja fast provozierend. Erdige, herbe Frucht, etwas rote Beete mit roten, reifen Kirschen. Eine Struktur, die einen packt, ohne die Luft abzuschnüren. Erinnert immer noch an Cabernet Franc, vielleicht gefällt er mir deswegen so gut. Was direkt beim Öffnen noch fehlt, ist die durchgehende Länge, das Vibrieren bis zum Schluss. Zum Abgang hin wirkt er noch schmal und zugeschnürt. Aber schon einige Stunden später tut sich etwas. Die Umklammerung löst sich erst mal nur langsam doch immerhin. Am Tag zwei sieht das noch mal ganz anders aus, am dritten Tag dann ist alles da, was ein badischer Winterdroler so bringen kann. Als ob er sich jeden Tag eines Teils der Winterklamotten entledigt hatte. Mit schmeichlerischen und samtigen Attributen kann er deswegen nicht dienen. Dafür mit Kraft, Kanten und Ecken, die schmecken. Und erst jetzt, am dritten Tag, zieht er sich in die Länge, öffnet sich und kommt endlich mit einem lang anhaltenden Abgang daher. Ach, hätte mein Opa das noch mitbekommen.

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Historisches zum Winterdroler/Geiztrieb

Als Herling kennt man den Winterdroler schon aus der Bibel. Martin Luther (1483-1546) kam mit dem Herling im Zuge seiner Bibelübersetzung in Kontakt, er schrieb folgendes ( Jesaja Kap. 5, Vers 1 bis 2):

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte Herlinge (schlechte).

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Synonyme für Geiztrauben

Dolder

Drohler

Geizer

Geiztraube

Geizrebe

Geiztraube

Härling – Rheingau

Herbling

Herlinc

Herling (kommt von herb)

Herlingstrauben – Leimen

Härtling (kommt von harter Beerenschale)

Irxentrieb – ganz Österreich

Irxenbrut – Burgenland

Martini-Weinbem – Südtirol

Martinitrauben – Heidelberg

Üsgläs – Merdingen/Tuniberg

Winterhöhn – Burgenland

Winterhöller – Steiermark

Wintertroler – Weinsberg & Bodensee

Wintertroli – Staufen/Markgräflerland

Wintertrollies – Heitershein/Markgräflerland

Wintertroller – Schweiz

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