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Jun 30

Sigi Hiss: Aurelio Montes Senior – Knausriger chilenischer Gentleman

Tag: Personen,Weingütersigi.hiss @ 14:57

MontesSeniorAurelio Montes Senior ist einer der vier Gründer des chilenischen Vorzeigebetriebs Viña Montes. Zusammen mit dem Exportmanager Douglas Murray, dem Finanzstrategen Alfredo Vidaurre und dem Önologen Pedro Grand gründete er die Firma Discover Wines. Nach einigen Jahren wurde das Weingut in Viña Montes umgenannt. Man startete weder mit eigenen Weinbergen noch einer Kellerei, nicht mal ein Büro war vorhanden. Sie hatten nicht viel, außer Enthusiasmus und Ideen. Knausrigkeit war also ein Muss.

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Aurelio Montes Senior war und ist immer noch, heute mit seinem Sohn Aurelio Montes Junior, das Gesicht von Viña Montes. Wohl jedem Liebhaber Neuer-Welt-Weine ist der Montes Alpha Cabernet Sauvignon ein Begriff. Im letzten Jahrzehnt kamen Weine wie Montes Folly, ein Shiraz oder der Purple Angel, ein fast reinsortiger konzentrierter Carmenère dazu. Besonders interessant ist die neue Linie »Outer Limits« – Weine aus klimatischen als auch geologischen außergewöhnlichen Lagen.

Zurück zu Montes Senior, dem knausrigen Gentleman des chilenischen Weinbaus. Ich traf ihn im März 2015 in Zürich zu einem Gespräch, besser gesagt zum Austausch über eines seiner vielen Projekte. Grauweiße Haare, braungebrannt und mit sehr lebendigen Augen, könnte er auch den alten englischen Adel mühelos vertreten. Einzig die chilenische Sonnenbräune passt nicht so richtig nach England. Und das Projekt hat mit eben dieser chilenischen Sonne zu tun, direkt als auch indirekt.

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Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte und zu den aktuellen Projekten des Weinguts, brennt es Aurelio Montes Senior mir das Dry Farming zu erklären. Ich werde das Gefühl nicht los, am liebsten hätte er das Vorgeplänkel weggelassen um direkt auf das Dry Farming zu kommen – das Projekt, sein Projekt. Mir sehr sympathisch. Nun habe ich mich über dieses, doch recht schräg klingende »Dry Farming« vorher etwas informiert. Einfach um zu hinterfragen, inwieweit es sich um einen Marketinggag oder eine seriöse Sache handeln könnte. Aurelio Montes Senior versichert mir dann glaubhaft, der Nutzen für seine Weine, Weinberge als auch für die Natur, ist ihm wichtiger als Marketing. Zudem wäre Marketing günstiger und mit weniger Aufwand bekommen.  Gegen einen gewissen Marketingeffekt, wie er ehrlicherweise zugibt, kämpft er aber auch nicht an.

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TraubenDry Farming

Aurelio Montes Senior erklärt mir mit einem schelmischen Blick:« Dry Farming hat nichts mit Dry aged Beef zu tun, obwohl ein chilenisches Rinderfilet und seine Rotweine bestens harmonieren würden. Aber auch nichts mit dem Trocknen von Beeren, wie es beim Amarone oder einem Reccioto zur Tradition gehört«.

Einsparen des kostbarsten Rohstoffs, den die Menschheit zur Verfügung hat und ohne den wir alle nicht auskommen können. Da schreit es geradezu nach einem sinnvollen und nicht verschwenderischen Verbrauch von Wasser. Hinter dem mysteriös klingenden »Dry Farming« steckt somit der reduzierte Einsatz von Wasser in der Landwirtschaft. Und zu dieser zählt nun mal auch der Weinbau. Er sagt es mit einer Mimik, die bei mir den Eindruck hinterlässt, da ist jemand von dem was er sagt, voll überzeugt. Sympathisch ist dabei, Aurelio Montes Senior zelebriert keine Show.

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Vor allem in Chile ist das mit dem Regen so eine Sache, eine sehr winzige, um genau zu sein. Niederschläge von durchschnittlich 300 mm/Jahr und weniger sind es im Maipo Valley, der wohl bekanntesten chilenischen Weinbauregion. Doch diese für den Weinbau an sich schon grenzwertige Menge kommt dann leider auch noch zur falschen Zeit, nämlich im Winter. Im Sommer dagegen, wenn die Rebe richtig Durst hat und Wasser bräuchte, kommt nichts Nasses von oben. Ernüchterndes Fazit, Weinbau in Chile ohne Bewässerung, ist ohne jede Chance auf Erfolg. Dies zieht einen, in Europa selbstverständlichen, Zugang zu Wasser nach sich. Hier fügt Aurelio Montes Senior einen bemerkenswerten Satz ein:« Wasserrecht ist die neue und brandheiße Währung in der chilenischen Landwirtschaft, damit auch im Weinbau.« Für einen Moment etwas irritiert doch gleichzeitig ein weiteres Argument pro Wassersparen erkennend, macht mich dies schon leicht nachdenklich. Wasser als Währung.

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Bevor man mit dem Dry Farming in die Öffentlichkeit und Produktion ging, waren wissenschaftliche Untersuchungen, vor allem aber auch Versuche in der Praxis nötig. „Eigene Erfahrungen sind hier mit nichts zu ersetzen“, so Aurelio Montes Senior. Wie weit kann man den Wassereinsatz reduzieren und was sind die Auswirkungen auf den Rebstock und letztendlich den Wein selbst. Grundlegende Fragen, die im Vorfeld beantwortet werden mussten.

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BeerenPraktische Maßnahmen

Im Rebberg wird der Boden unterhalb des Rebstocks mit Rindenmulch abgedeckt, sodass weniger Wasser verdunsteten kann. Die Anzahl der Blätter und die Höhe der  Laubwand werden verringert, weniger Blätter brauchen weniger Wasser.

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Solche Maßnahmen verringern von vorneherein schon mal den Wasserbedarf. Demzufolge fällt dann die künstliche Bewässerung geringer aus. Zusätzlich noch wird diese grundsätzlich auf das absolute Minimum reduziert. Es wird nur dann bewässert, wenn der Rebstock auch wirklich Wasser benötigt. Aurelio Montes Senior:« Jede Parzelle reagiert unterscheidlich auf diese Maßnahmen, sie müssen der jeweiligen Lage angepasst werden.« Von selbst versteht sich, den Wasserverbrauch bei allen Prozessen des Weinmachens auf das Minimum zu reduzieren. Wo und bei was auch immer im Weingut Montes mit Wasser gearbeitet wird, soll so wenig als nur möglich verbraucht werden.

„Interessant ist, die Rebe braucht 1-2 Jahre um sich an den Wassermangel anzupassen“, so Aurelio Montes Senior weiter. Cabernet Sauvignon, Syrah und Petit Verdot kommen mit weniger Wasser sehr gut klar. Merlot und Carmenére brauchen diesbezüglich mehr Aufmerksamkeit.

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Auswirkungen Dry Farming auf die Weine

Der augenscheinlich naheliegende Einfluss zeigt sich beim deutlich geringeren Ertrag. Die Trauben verkleinern sich dramatisch und ziehen logischerweise auch kleinere Beeren mit geringerem Gewicht nach sich. Die Folge sind dickere Beerenschalen, was schlussendlich extaktreichere und dunklere Weine bedeutet. Durchaus vom Ergebnis her mit dem Saignée Verfahren vergleichbar. Auch dort haben wir durch das geänderte Verhältnis von Schalen zum Saft, genau diesen Effekt. Da der Zuckergehalt durch das Dry Farming sicherlich nicht nach unten geht, wird auch der Alkohol letztendlich ein höherer sein. Dementgegen steht wiederum ein Mehr an Extrakt und Tannin. Gerade das Tannin gibt der Dichte und Kraft die nötige Struktur. Durch die hohe Reife wirkt dieses sehr rund, fast schon nussig. Smoothes Tanningerüst bringt es bestens auf den Punkt. Und erstaunlicherweise ist in den Weinen auch die Säure präsent mit Werten, die mit denen in Europa vergleichbar sind.

»Trotz des großen Erfolges des Dry Farming, wird alles weiterhin sehr genau beobachtet und an der Weiterentwicklung gearbeitet. Alleine schon deswegen, weil man keine Erfahrungen hat, wie die Rebe mit der marginalen Bewässerung auf längere Zeit reagiert«, so Aurelio Montes Senior. Eine entwaffnend ehrliche Aussage.

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Fazit

Das Dry Farming erbringt Weine, die konzentrierter, dichter, dunkler und auch im Alkoholgehalt (leicht) höher sind. Mehr Frucht und Aroma. Mehr reifes Tannin bei stimmiger Säurestruktur. Klingt erstmal nach Masse und Mainstream, ist es definitiv aber nicht. Das wäre mit viel weniger Aufwand, deutlich mehr Ertrag und dadurch kostengünstiger zu erreichen. Montes Alpha ist für Liebhaber konzentrierter und sehr kraftvoller Weine eine Referenz. Power aber nie flüssige Marmelade.

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Die wirtschaftliche Komponente hat aus meiner Sicht zwei Seiten: Niedrigere Erträge und somit weniger zu verkaufende Flaschen sind die eine. Eine beeindruckende Reduktion des jährlichen Wasserverbrauches, dem Verbrauch von 20.000 Personen entsprechend, die andere. Ich muss sagen, eben genau diese Knausrigkeit des chilenischen Gentleman, gefällt mir richtig gut.

Aurelio Montes Senior ist in Chile als auch vom Feinschmecker mit dem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet worden.

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Degustierte Weine

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montes_alpha_carmenere_720x6002012 Montes Alpha Carmenére

Dry Farming, 90% Carmenére & 10% Cabernet Sauvignon, 14,5% Vol., 55% waren 12 Monate in Erst- Zweit- und Drittbelegung, Ertrag 7000 kg/ha, Trauben aus Marchigüe & Colchagua Valley.

Offene und konzentrierte Aromen, enorm tief, Bitterschokolade und etwas Nugat, wirkt kraftvoll doch nicht alkoholisch, anfangs etwas fett nach 2 Stunden dekantieren schlanker, Brotkrummen und reife Walnuss, verdeckt Brombeeren mit viel schwarzem Pfeffer, Pinien & Duft von herben Tannennadeln, am 3. Tag deutliche Schwarze Johannisbeere mit frisch-säuerlicher Note.

Powerwein, sehr kraftvoller Stil mit enorm dichtmaschiger & konzentrierter aber nicht marmeladiger Frucht, sanfte und mürbe Tannine, relativ gute Säurestruktur, Abbild der Nase aber alles etwas erdiger, plus Hauch Lebkuchen, bei aller Kraft noch einigermaßen balanciert, Tag 3: hat zugelegt, Power wirkt besser integriert, »trockener« daherkommend, sehr langer, sehr wuchtiger & süsslich-würziger Abgang. 17/20, bis 2025

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MontesAlphaCS122012 Montes Alpha Cabernet Sauvignon

Dry Farming, 90% Cabernet Sauvignon & 10% Merlot, 14% Vol., 50% waren 12 Monate in Erst- Zweit- und Drittbelegung,, Ertrag 7000 kg/ha, Trauben aus Colchagua Valley.

Mittlere dichtmaschige Aromatik, deutliche Schwarze aber auch etwa Rote Johannisbeere, Hauch kräuterig und schwarzpfeffrig, wunderbar klare und stimmige Nase, relativ schlank und balanciert, tief und komplex, konzentriert ja aber nie dicklich, legt mit Luft noch an Eleganz zu, Grafitnoten, Wacholder.

Satter zugleich kraftvoller aber balancierter Stil, mürbes leicht nussiges Tannin, saftige präsente Säure, Barrique ist vollkommen integriert, wieder reife Johannisbeere, reife Himbeere aber auch eine herbe Note nach Unterholz, dezentes Süßholz, Hauch kalter Rauch, stilistisch ein sehr stimmiger Mix aus Chile und Bordeaux, sehr langer, erdig und johannesbeeriger Abgang. 17,5/20, bis 2028

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PurpleAngel122012 Purple Angel

92% Carmenére & 8% Petit Verdor, 14,5% Vol., 24 Monate neues Barrique, Ertrag 3500-4000 kg/ha, Trauben aus Marchigüe & Colchagua Valley.

Offen und sehr konzentrierte Aromatik, direkt beim öffnen »too much«, große Gläser und dekantieren, viel zu jung, ungestüm und wild, enorm dichte Aromen nach roten und allen erdenklichen roten & schwarzen Beeren, viel süßliche Gewürze an Nelke, Zimt, Curry und Kardamom erinnernd, Powernase, enorm tief und komplex, viel Luft nötig.

Brutal dicht und konzentriert, nie marmeladig oder überreif wirkend, deutliches sehr reifes Tannin, schwarze und tiefrote Aromen, Dito Nase plus etwas Rauchiges und vollreife Pflaumen, ausladender weiter Stil, nicht die Elfe sondern »Thor« mit dem Hammer, enorm kraftvoller Powerabgang.  Tag 1: 17/20, Tag 2: 18/20, bis 2026

Persönliche Note: Alle degustierten Weine waren am 2. oder 3. Tag am besten. Dekantierzeiten von 8 oder mehr Stunden bringen ein Plus
an Komplexität und Trinkspaß – zumindest für mich. Wer den kraftvollen und konzentrierten Weinstil bevorzugt, zugleich aber keine flüssige Marmelade will, der wird bei Montes Alpha sein Weingut finden.

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Info Chile

Rebfläche Rot ¾ – 84.626 Ha (hauptsächlich im Zentraltal & Süden)
Cabernet Sauvignon 35% 40.728 Ha
Merlot 8,6%% / 10.041 Ha
Carmenére 7,5% / 8.827 Ha
Syrah 5% / 6.027 Ha
Pinot Noir 2,5% / 2.884 Ha

Rebfläche Weiss ¼ – 32.204 Ha (hauptsächlich Küste & Norden)
Chardonnay 11% / 13.082 Ha
Sauvignon Blanc 10,5% / 12.159 Ha
Gesamt – 116.830 Ha

Land 4.000 km lang & durchschnittlich 180 km breit mit Regenwälder, Wüsten, Steppen, Gletscher, höchster Berg Aconcauga mit 6.963 m.ü.N.
Klima wird vom Humboldtstrom & dem Pazifischen Ozean bestimmt und liegt zwischen dem in Bordeaux & dem in Napa Valley.

4 Weinbauregionen mit Coquimbo, Aconcagua, Valle Central, Valle Sur.
Diese sind wiederum in 13 Weinbaugebiete aufgeteilt – Norden nach Süden (Grafik)
Plus geografische/klimatische Einteilung in Costa (Küste), Entre Cordilleras (zwischen den Bergen) & Andes (Anden)
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